Märchen · Norwegen

Mit Espen Aschenbengel zu neuen Abenteuern im Land der Trolle – Norwegische Märchen von Peter Christen Asbjønsen und Jørgen Moe

Vor sechs Jahren erschien der erste Band der Norwegischen Märchen aus der Sammlung von Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe, neu übersetzt und herausgegeben von Åse Birkenheier, in dem die Herausgeberin uns mit der norwegischen Version des Aschenputtels, mit eben Espen Aschenbengel, bekannt machte. Nun gibt es einen 2. Band der norwegischen Volksmärchen, mit einem Vorwort von Dr. Gabriele Haefs. Während die Herausgeberin im 1. Band ihre Lieblingsmärchen präsentierte, gibt es im 2. Band eine Dreiteilung.

  • Lustiges und Nachdenkliches aus der Tierwelt
  • Prinzessinnen und Weiber – starke und außergewöhnliche Frauen im Land der Trolle
  • Trolle und Zauberei – unterwegs mit Espen Aschenbengel

Wie Dr. Gabriele Haefs im Vorwort schreibt, sind die Grundmotive von Märchen im Grunde in jedem Land gleich und unterscheiden sich eher durch die Landschaft und die Lebensumstände der Menschen. Das ist auch hier so, viele Motive kommen Leser!nnen der Sammlungen der Gebrüder Grimm und Hans Christian Andersen bekannt vor und doch hat die norwegische Version etwas besonderes und nimmt uns mit in die einzigartige Landschaft Norwegens, wo es leicht ist an Trolle zu glauben. Mir persönlich gefällt besonders die Version des Aschenputtels, eben dieses verträumte Schlitzohr Espen Aschenbengel, dem seine Brüder nichts zutrauen, sitzt er doch am liebsten am Feuer und bläst in die Asche, der dann aber doch alle anderen bei den zu bestehenden Abenteuern überflügelt und schließlich das halbe Königreich und die Prinzessin gewinnt.

Es ist eine wahrlich schöne Sammlung, die ich nur empfehlen kann. Zum Märchenlesen ist man nie zu alt, und auch nicht zu jung, um sie sich erzählen oder vorlesen zu lassen.

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Roman

Den Oridongo hinauf von Ingvar Ambjørnsen

Der Protagonist, Ulf Vågsvik, der sehr Ellingresk wirkt (ob er es ist oder nicht, will ich hier nicht verraten), ist mit leichtem Gepäck auf eine Insel in Nordwestnorwegen gezogen. Seine Brieffreundin Berit hatte ihn eingeladen auf Besuch zu kommen. Doch er bliebt. Ausgerüstet mit 6 Unterhosen, 4 Hemden und 2 Hosen in einem Lederkoffer und einem Hut, der bald das Zeitliche segnet, landet er auf der Insel und bei Berit. Diese Beiden haben sich langsam in einem gemeinsamen Leben eingerichtet, als eine niederländische Familie beschließt sich auf der Insel nieder zu lassen. Die Insel Gemeinschaft ist hocherfreut, denn es werden Steuergelder gebraucht. Also wird der Familie ein großer Bahnhof bereitet. Während der Begrüßungsfeier geschieht etwas, dass den Sohn der Einwanderer zu tiefst verstört und er läuft weg. Die ganze Insel sucht. Ulf Vågsvik findet den Jungen schließlich, als schon alle die Hoffnung aufgegeben haben. Das Kind ist zutiefst verstört und schweigt, einzig zu Ulf fasst er Vertrauen.

Als Ulf Vågsvik mit seinem Koffer und seinem Hut auf die Insel ging, glaubte er seine Vergangenheit und seinen alten Namen hinter sich gelassen zu haben. Nun wird er durch Tom, den verstörten 12-jährigen Jungen, erneut mit seinem früheren Leben konfrontiert.

Ingvar Ambjørnsen schreibt in klaren Worten. Er ist unprätentiös und scheut sich auch nicht die Abgründe, die in jeder Menschenseele lauern auszuloten. Es ist nicht nur die Reise auf eine norwegische Insel und eine Beschreibung ihrer Bewohner!nnen. Es ist eine Reise in die Seele eines Menschen. Ambjørnsen Sprache ist wundervoll, kristallklar und bildhaft.

Der Autor schreibt seine Bücher auf norwegisch. Was ja wohl auch logisch ist. Er lebt allerdings seit Jahren in Hamburg und ist mit der Übersetzerin Gabriele Haefs verheiratet. Gabriele Haefs hat auch dieses Buch übersetzt.

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Roman

Ich heiße nicht Miriam von Maigull Axelsson

Es ist Miriam Guldbergs 85. Geburtstag, an dem ihre Familie ihr ein Armband schenkt, in dem ihr Name eingraviert ist. Sie sieht die Gravur und sagte plötzlich: Ich heiße nicht Miriam! Was auch stimmt, denn Miriam heißt eigentlich Malika und ist eine Romni, eine Zigeunerin, die auf dem Transport von Auschwitz nach Ravensbrück die Identität der toten Miriam Goldberg annahm. Später dann, als sie durch das Rote Kreuz nach Schweden kam, hat sie diesen Irrtum aus guten Grund nicht aufgeklärt, denn Zigeuner durften sich in Schweden nicht niederlassen. Siebzig Jahre hat sie ihre Geschichte verschwiegen, eine Geschichte, die ihr jeden Tag präsent war und die sie nun ihrer Enkelin Camilla erzählt.

Majgull Axelsson hat mit “Ich heiße nicht Miriam” einen ganz besonderen Roman geschrieben. Es geht um Vorurteile, um Identität und Angst. Für ihre Protagonistin ist die Zeit im Konzentrationslager immer präsent, nicht im Zurückerinnern des täglichen Überlebenskampfes, sondern alleine dadurch, dass sie immer wieder Angst hat sich zu verraten, alles zu verlieren, denn ihr ist bewusst, dass auch die freundlichen Schweden, die voller Mitleid für die Opfer des Naziregimes sind und Hilfe bieten, eine Klasse zu tiefst verachten und das sind die Zigeuner und so ist Miriam auch nach dem Krieg bewusst, dass ihr mühsam aufgebautes neues Leben, zerbrechen wird, wenn herauskommt, dass sie bezüglich ihrer Herkunft gelogen hat.

Es ist ein zutiefst berührendes Buch und ein wichtiges. Gerade in Zeiten in denen wieder Flüchtlingsheime brennen und Menschen wegen ihrer Herkunft und Religion diskriminiert werden, sollte diese Geschichte gelesen werden.

Ich heiße nicht Miriam, Majgull Axelsson, Übersetzerin: Christel Hildebrand

Roman

Land der Söhne von Milena Moser

Schauplatz des neuen Milena Moser Romans Land der Söhne ist größtenteils New Mexico. Gìo ist mit seiner 11-jährigen Tochter Sofia auf der Reise zu einem der Orte, an dem er eine besondere Zeit seiner Kindheit verbracht hat. Sein Vater Lou ist gestorben und es ist an der Zeit sich der Vergangenheit zu stellen.

Luigi Bernasconi kommt in den 1940-ziger Jahren mit seiner Mutter in die USA. Schnell gibt er die Hoffnung auf, dass der Vater wie versprochen nachkommt.  Die Mutter hat bald einen neuen Partner und Luigi wird in eine Outdoor Scool nach New Mexico abgeschoben. Hier wird er zu Lou und soll zum Mann erzogen werden. Major Bartlett, der Schulleiter, hat da bestimmte Vorstellungen, die weit über das gewöhnlich und gesellschaftlich akzeptable hinausgehen. Später wird Lou zu einem einflussreichen Filmproduzenten in Hollywood. Er heiratet Tara, die nach dem Scheitern der Ehe mit dem gemeinsamen Sohn Gío in eine Hippiekommune zieht, wo sie ihn sich selbst überlässt, während sie ihr Bewusstsein erweitert und der freien Liebe frönt. Eines Tages ist sie verschwunden und Gío bleibt allein zurück. Die Kommune löst sich auf und Gío wird im benachbarten Pueblo abgegeben, wo er bei der Familie Ortiz lebt, bis sein Vater ihn zwingt wieder zu ihm zu ziehen. Das Verhältnis der Beiden ist  ebenfalls nicht unbelastet, da Papa Lou einige der Vorstellungen, wie Männer zu Männern werden, von Major Bartlett übernommen hat. Gío verlässt seinen Vater so schnell wie möglich, wird Flimarchivar, nimmt den Namen Ortiz an und heiratet den Friseur Santiago, mit dem er die gemeinsame Tochter Sofia großzieht.

Milena Moser entfaltet diese Familiengeschichte, in drei Strängen, einen für jede Generation, jeweils aus der Sicht des Kindes.  So gewaltig die Themen dieses Romans sind,  Missbrauch, Vernachlässigung, künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, um nur einige zu nennen,  ist die Geschichte an keiner Stelle überfrachtet. Die Autorin hat mit scheinbar leichter Hand ein Schwergewicht geschaffen, das in der Erkenntnis mündet:

Es gibt keinen Grund sich für das, was dir widerfahren ist zu schämen. Es ist nicht dein Problem, es ist das Problem dessen, der es dir angetan hat.

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Samson & Roberto – Glück & Spuk und ach herje von Ingvar Ambjørnsen

Der Kater Roberto und der Hund Samson leben in der Stadt und haben es nicht leicht, so arm wie sie sind. Da kommt das Erbe von Samson Onkel Rin Tin Tei gerade recht. Nun sind sie Besitzer von 14 Kronen und einer Pension mit dem schönen Namen Fjordlicht. Sofort machen sie sich auf, um ihren neuen Besitz in Augenschein zu nehmen. Doch was erwartet sie? Ein baufälliges Haus, in dem es auch noch spuken soll. Die nötigen Reparaturen, erweisen sich als das geringste Problem. Olly, ein sehr aktives Ottermädchen mit Handwerksbetrieb und Freude daran, wenn andere ihr Geld schulden, übernimmt den Fall und richtet alles in kürzester Zeit so her, dass die Gäste kommen können. Bliebe nur noch dem Spuk auf dem Grund zu gehen. Auch das ist irgendwann getan. Nun gilt es nur noch die Gäste, die doch sehr verschiedenartig sind, unter einen Hut zu bringen.

Glück und Spuk und Ach Herrje, ist der erste Teil von Ingvar Ambjørnsens Samson & Roberto Reihe und wurde gerade bei dtv neu aufgelegt. Das hat mich so sehr gefreut. Schon früher habe ich die Bücher um die beiden Pensionsbesitzer mit Begeisterung gelesen und auch meine Enkelinnen lieben sie. Lustig und hintersinnig, wird vermittelt, wie ein tolerantes Zusammenleben funktionieren sollte. Fein illustriert ist das Buch von Peter Schüssow. Überhaupt ist das Buch sehr schön aufgemacht und ich hoffe sehr, dass auch die anderen Teile neu aufgelegt werden. Die Übersetzerin ist Gabriele Haefs.

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Autobiografien/Biografien

Die Welt die meine war- die 60ziger Jahre – Ketil Bjørnstad

Ketil Bjørnstad erinnert sich nicht einfach an das Jahrzehnt des kalten Krieges, der Mondlandung, der Beatles, er geht zurück in die Zeit. Erzählt von dem fettem, unsicheren Kind, das er war, das Chrustschow toll findet, aber Kennedy misstraut, weil der einfach zu gut aussieht, zu geleckt ist. Der junge Ketil ist ein Außenseiter. Der Vater ist Sozialist und fördert früh das Politikinteresse des Jungen, die Mutter ist die musisch Begabte, von der er die Liebe zur Musik hat. Beide Eltern fördern sein musikalisches Talent. Obwohl er in einer intakten Familie aufwächst, ist er von der Angst getrieben, dass die Eltern sich trennen könnten. Jung-Ketil hat es insgesamt nicht leicht. Schon sein Übergewicht macht ihn zum Außenseiter, er passt nicht die klassische Männerrolle. Die Mädchen für die er sich interessiert, irritieren ihn genau so sehr, wie sie ihn anziehen. Kindheit und Adoleszens sind wahrlich kein Ponyhof.

Als ich vom Projekt des norwegischen Musikers und Autors Ketil
Bjørnstad erfuhr, jedem Jahrzehnt seines Lebens einen autobiografischen Roman zu widmen, war meine erste Reaktion: Ach nee, nicht noch so etwas wie Knausgard. Der hatte mich mit seiner Nabelschau furchtbar angeödet, Das ich mich letztlich doch an dieses 830 Seiten starke Werk gemacht habe, hatte in erster Linie damit zu tun, dass ich Ketil Bjørnstad als Autor sehr schätze. Vindings Spiel und Emma, um nur zwei seiner Bücher zu nennen, haben mich tief berührt und genau so ging es mir mit Die Welt die meine war – Die 60ziger Jahre. Ein Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Die Welt die meine war – die sechziger Jahre, Ketil Bjørnstad, Übersetzer!innen: Kerstin Reimers, Andreas Brunstermann und Gabriele Haefs, Verlag: Osburg.

Krimi

Kritische Masse – Sara Paretsky

V. I. Warshawsi ist auf der Suche der drogensüchtigen Judy Binder, nachdem diese einer alten Freundin auf dem AB die Nachricht hinterlassen hat, dass sie sich in Gefahr befindet. Als Warshawski den letzten Wohnsitz der Frau aufsucht, irgendwo im ländlichen Illinois, findet sie nur eine zerstörte Methküche, einen toten Hund und die Leiche eines Mannes in einem Maisfeld, an dem sich die Krähen bereits gütlich getan haben. Von Judy Binder keine Spur. Als sie weiter ermittelt, wird dieser scheinbar so einfache Fall immer komplizierter und seine Wurzeln gehen weit zurück in das Österreich der 30-ziger Jahre und die Nazizeit und es wird immer gefährlicher für Warshawski, denn nicht nur die üblichen Dealer und Gangster machen ihr das Leben schwer, sondern auch eine hochangesehene Computerfirma und der Heimatschutz.

Sara Paretzky und ihre Detektivin V. I. Warshawski, ein wohlbekanntes Team und, meiner bescheidenen Meinung nach, in diesem Buch in Höchstform. Ein scharfer Blick auf die politische Vergangenheit Amerikas, das Schicksal von Flüchtlingen und die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage, geben den Ermittlungen einen soliden Unterbau und nehmen dem klassischen Krimi-Noir-Stil jede Verstaubtheit. Im Gegenteil, es ist ein heutiges Buch, in dem sehr deutlich wird, wie Vergangenheit und Gegenwart sich beeinflussen. Spannung pur über immerhin 534 Seiten.

Kurzgeschichten · Uncategorized

Wie wir uns besiegten – Kersten Flenter

Wie wir uns besiegten von Kersten Flenter ist im Gonzo Verlag erschienen, diesem kleinen feinen Verlag mit dem Händchen für das Besondere. Die Themen, in denen es in diesen 34 Kurzgeschichten geht, sind wohlbekannt, der Rechtsruck, das Älterwerden, die Landlust und der Sozialabbau. Was der Autor allerdings daraus macht, ist das spezielle. Da gibt es keinen erhobenen Zeigefinger, sondern ein Feuerwerk an Fantasie, Selbstironie und Spaß am Absurden. Kersten Flenter spielt mit dem Abseitigen und ja, man denkt natürlich an Kafka, wenn man etwa „Das Käferzimmer“ liest, allerdings nur auf den ersten Zeilen, dann ist es Original-Flenter. Ganz nebenbei ist es auch noch eine kleine Hommage an Hannover-Linden, wo der Autor lebt.

Ich habe mich lange nicht mehr so gut amüsiert, während man mir die Themen unserer Zeit vor Augen geführt hat. Wortgewandt, satirisch und oft brüllend komisch, ohne jedoch einmal den Ernst des Kerngedankens zu bagatellisieren.

Norwegen · Roman

Wer die Goldkehlchen stört von Levy Hendriksen

Als der Plattenproduzent Jim zu einer Taufe in Kongsvinger eingeladen wird, hört er die drei Geschwister Thorsen in der Kirche singen und ist von ihrem Gesang fasziniert. Er erfährt, dass die drei früher berühmt waren und auch einige Platten aufgenommen haben. Jim hat die Musikindustrie, in der es mehr und mehr um Vermarktung von Produkten, als um Musik geht, leid und versucht die Drei, alle bereits um die 80, zu überreden eine Aufnahme zu machen. Das gestaltet sich nicht leicht, während die beiden Schwestern Maria und Tamar, nicht wirklich abgeneigt sind, stellt sich Bruder Timoteus quer.
Nach und nach erfährt Jim nicht nur die Geschichte der Thorsen-Geschwister, sondern auch eine Menge über sich. Eine wundervolle Geschichte über Musik, Hoffnung, die Kraft der Liebe und dass es für sie nie zu spät ist.

Levi Henriksen ist einer der wenigen Schriftsteller, der es schafft eine Geschichte über Themen wie Liebe, Hoffnung, Glaube zu schreiben, ohne das kleinste Bisschen kitschig zu werden und seine Leser*innen trotzdem zu Tränen zu rühren. Wer die Goldkehlchen stört ist ein Liebesroman, aber nicht im üblichen Sinne, sondern es ist eine Liebeserklärung an die Vielfalt in der Liebe an sich.

Wer die Goldkehlchen stört, Levi Henriksen, Übersetzerin Gabriele Haefs

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Wo Rauch ist von Gudrun Lerchbaum

Der Journalist Can ist tot, angeblich an einem anaphylaktischen Schock gestorben. Seine Ex-Frau, die Buchhändlerin Olga Schattenberg, bezweifelt dies, schon weil Can keine Allergien hatte und gerade an einer sehr gefährlichen Story arbeitete, den Verbindungen des türkischen Geheimdienstes zu Nazigruppen in Österreich und Deutschland. Olga will mehr wissen, ist jedoch durch ihre MS-Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt. Auf der Beerdigung trifft sie den Trauerredner Adrian und lernt durch ihn seine frühere Freundin Kiki kennen, die eine recht gewalttätige Vergangenheit und eine Psychosehat hat. Über Cans Familie versucht Olga an den Laptop des Verstorbenen zu kommen, doch die mauert. Die Eltern wollen Ruhe, die Schwester ist mittlerweile bei den Kartalar gelandet, einer islamistischen Gruppe, die unter anderen die türkischen Mitbürger im Ausland auf islamkonformes Verhalten hin überwacht. Als auch noch die Polizei sich für den Tod von Can interessiert und herauskommt, dass er auf eine sehr merkwürdige Weise zu Tode kam, wird es brenzelig. Olga, Adrian und Kiki, geraten ins Kreuzfeuer der verschiedenen Fraktionen. Doch nicht nur für sie wird es eng.

Um es gleich vorweg zu sagen. Gudrun Lerchbaum hat da einen Politthriller geschrieben, wie ich ihn mir wünsche. Nah am Zeitgeschehen, spannend, interessant und originell. Sie wählt nicht das klassische Ermittler*innen Team mit einer Hauptfigur und sondern lässt die Geschichte aus den Perspektiven von Olga, Adrian und Kiki erzählen, was den Lesern einen Panoramablick erlaubt. Sie schildert ihre Charaktere sensibel und mit Tiefenschärfe, zeigt sie gleichmaßen in ihrer Verletzlichkeit und Stärke, ohne sich in deren Geschichten zu verlieren und die Handlung zu vernachlässigen. In Lügenland zeigt Gudrun Lerchbaum die Mechanismen des Faschismus auf, die in der Dystopie bereits etabliert sind, in „Wo Rauch ist“ zeigt, die Autorin, wie schnell dieser Umbruch gehen kann, wenn Die an den entsprechenden Schalthebeln es verstehen, gewisse Vorkommnisse zu instrumentalisieren.