Krimi

Kritische Masse – Sara Paretsky

V. I. Warshawsi ist auf der Suche der drogensüchtigen Judy Binder, nachdem diese einer alten Freundin auf dem AB die Nachricht hinterlassen hat, dass sie sich in Gefahr befindet. Als Warshawski den letzten Wohnsitz der Frau aufsucht, irgendwo im ländlichen Illinois, findet sie nur eine zerstörte Methküche, einen toten Hund und die Leiche eines Mannes in einem Maisfeld, an dem sich die Krähen bereits gütlich getan haben. Von Judy Binder keine Spur. Als sie weiter ermittelt, wird dieser scheinbar so einfache Fall immer komplizierter und seine Wurzeln gehen weit zurück in das Österreich der 30-ziger Jahre und die Nazizeit und es wird immer gefährlicher für Warshawski, denn nicht nur die üblichen Dealer und Gangster machen ihr das Leben schwer, sondern auch eine hochangesehene Computerfirma und der Heimatschutz.

Sara Paretzky und ihre Detektivin V. I. Warshawski, ein wohlbekanntes Team und, meiner bescheidenen Meinung nach, in diesem Buch in Höchstform. Ein scharfer Blick auf die politische Vergangenheit Amerikas, das Schicksal von Flüchtlingen und die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage, geben den Ermittlungen einen soliden Unterbau und nehmen dem klassischen Krimi-Noir-Stil jede Verstaubtheit. Im Gegenteil, es ist ein heutiges Buch, in dem sehr deutlich wird, wie Vergangenheit und Gegenwart sich beeinflussen. Spannung pur über immerhin 534 Seiten.

Kurzgeschichten · Uncategorized

Wie wir uns besiegten – Kersten Flenter

Wie wir uns besiegten von Kersten Flenter ist im Gonzo Verlag erschienen, diesem kleinen feinen Verlag mit dem Händchen für das Besondere. Die Themen, in denen es in diesen 34 Kurzgeschichten geht, sind wohlbekannt, der Rechtsruck, das Älterwerden, die Landlust und der Sozialabbau. Was der Autor allerdings daraus macht, ist das spezielle. Da gibt es keinen erhobenen Zeigefinger, sondern ein Feuerwerk an Fantasie, Selbstironie und Spaß am Absurden. Kersten Flenter spielt mit dem Abseitigen und ja, man denkt natürlich an Kafka, wenn man etwa „Das Käferzimmer“ liest, allerdings nur auf den ersten Zeilen, dann ist es Original-Flenter. Ganz nebenbei ist es auch noch eine kleine Hommage an Hannover-Linden, wo der Autor lebt.

Ich habe mich lange nicht mehr so gut amüsiert, während man mir die Themen unserer Zeit vor Augen geführt hat. Wortgewandt, satirisch und oft brüllend komisch, ohne jedoch einmal den Ernst des Kerngedankens zu bagatellisieren.

Norwegen · Roman

Wer die Goldkehlchen stört von Levy Hendriksen

Als der Plattenproduzent Jim zu einer Taufe in Kongsvinger eingeladen wird, hört er die drei Geschwister Thorsen in der Kirche singen und ist von ihrem Gesang fasziniert. Er erfährt, dass die drei früher berühmt waren und auch einige Platten aufgenommen haben. Jim hat die Musikindustrie, in der es mehr und mehr um Vermarktung von Produkten, als um Musik geht, leid und versucht die Drei, alle bereits um die 80, zu überreden eine Aufnahme zu machen. Das gestaltet sich nicht leicht, während die beiden Schwestern Maria und Tamar, nicht wirklich abgeneigt sind, stellt sich Bruder Timoteus quer.
Nach und nach erfährt Jim nicht nur die Geschichte der Thorsen-Geschwister, sondern auch eine Menge über sich. Eine wundervolle Geschichte über Musik, Hoffnung, die Kraft der Liebe und dass es für sie nie zu spät ist.

Levi Henriksen ist einer der wenigen Schriftsteller, der es schafft eine Geschichte über Themen wie Liebe, Hoffnung, Glaube zu schreiben, ohne das kleinste Bisschen kitschig zu werden und seine Leser*innen trotzdem zu Tränen zu rühren. Wer die Goldkehlchen stört ist ein Liebesroman, aber nicht im üblichen Sinne, sondern es ist eine Liebeserklärung an die Vielfalt in der Liebe an sich.

Wer die Goldkehlchen stört, Levi Henriksen, Übersetzerin Gabriele Haefs

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Wo Rauch ist von Gudrun Lerchbaum

Der Journalist Can ist tot, angeblich an einem anaphylaktischen Schock gestorben. Seine Ex-Frau, die Buchhändlerin Olga Schattenberg, bezweifelt dies, schon weil Can keine Allergien hatte und gerade an einer sehr gefährlichen Story arbeitete, den Verbindungen des türkischen Geheimdienstes zu Nazigruppen in Österreich und Deutschland. Olga will mehr wissen, ist jedoch durch ihre MS-Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt. Auf der Beerdigung trifft sie den Trauerredner Adrian und lernt durch ihn seine frühere Freundin Kiki kennen, die eine recht gewalttätige Vergangenheit und eine Psychosehat hat. Über Cans Familie versucht Olga an den Laptop des Verstorbenen zu kommen, doch die mauert. Die Eltern wollen Ruhe, die Schwester ist mittlerweile bei den Kartalar gelandet, einer islamistischen Gruppe, die unter anderen die türkischen Mitbürger im Ausland auf islamkonformes Verhalten hin überwacht. Als auch noch die Polizei sich für den Tod von Can interessiert und herauskommt, dass er auf eine sehr merkwürdige Weise zu Tode kam, wird es brenzelig. Olga, Adrian und Kiki, geraten ins Kreuzfeuer der verschiedenen Fraktionen. Doch nicht nur für sie wird es eng.

Um es gleich vorweg zu sagen. Gudrun Lerchbaum hat da einen Politthriller geschrieben, wie ich ihn mir wünsche. Nah am Zeitgeschehen, spannend, interessant und originell. Sie wählt nicht das klassische Ermittler*innen Team mit einer Hauptfigur und sondern lässt die Geschichte aus den Perspektiven von Olga, Adrian und Kiki erzählen, was den Lesern einen Panoramablick erlaubt. Sie schildert ihre Charaktere sensibel und mit Tiefenschärfe, zeigt sie gleichmaßen in ihrer Verletzlichkeit und Stärke, ohne sich in deren Geschichten zu verlieren und die Handlung zu vernachlässigen. In Lügenland zeigt Gudrun Lerchbaum die Mechanismen des Faschismus auf, die in der Dystopie bereits etabliert sind, in „Wo Rauch ist“ zeigt, die Autorin, wie schnell dieser Umbruch gehen kann, wenn Die an den entsprechenden Schalthebeln es verstehen, gewisse Vorkommnisse zu instrumentalisieren.

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Das Geheimnis der Welt von Jesse Falzoi

25 Jahre war Andreas verschwunden, als seine Schwester einen Anruf erhält, dass er sich im Krankenhaus befindet, mit Schlaganfall, in ihrer alten Heimatstadt Lübeck. Sonia, die sich mittlerweile ein Leben in Berlin aufgebaut hat, macht sich widerwillig auf den Weg nach Lübeck und ist überzeugt, sie wird nur kurz nach Andreas sehen und dann wieder in ihr Leben zurückkehren – zu ihrer Arbeit, zu ihrer Tochter und ihrem Enkel. Doch es kommt anders. Als sie in Andreas Wohnung kommt, entdeckt sie Hinweise darauf, was ihm in den letzten 25 Jahren geschehen ist, allerdings sind es nur Fragmente. Anscheinend war er verheiratet, aber die Frau ist tot. Er hat in Mexico gelebt. Doch wovon? Jedes Puzzleteil, das sie findet, wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Andreas selbst gibt ihr keine Erklärungen, angeblich kann er sich nicht erinnern. Als sie denn noch eine große Menge Geld in seinem Badezimmer findet, beschließt sie nach Mexico zu reisen und sich dort auf Spurensuche zu begeben. Diese Spurensuche wird nach und nach immer unwichtiger, wird zu einer Selbstentdeckungsreise für Sonia und konfrontiert sie mit Fragen wie: Wie gut kenne ich meine Nächsten? Welche Geheimnisse und Lügen gab und gibt es in meiner Familie? Was fange ich mit dem Rest meines Lebens an?

Es ist ein sehr vielschichtiges Buch, in dem der Ausgangspunkt, der Schlaganfall und das Wiederauftauchen des Bruders, mehr und mehr unwichtig wird und für die Protagonistin zu einer Aufarbeitung ihrer Vergangenheit wird. Sie entdeckt wie trickreich Erinnerungen sind, welche Geheimnisse in ihrer Familie existieren und wie festgefahren ihr eigenes Leben ist. Besonders hat mir gefallen wie die Autorin surreale Wahrnehmungen, Träume und reale Begegnungen ineinander verwebt, ineinander übergleiten lässt. Gerne mehr dieser Art.

Norwegen · Roman

Jakob von Alexander Kielland

Der Bauernsohn Tørres Snortewold macht sich mit seinen spärlichen Ersparnissen in die große Stadt auf. Ehrgeizig verfolgt er sein Ziel reich und mächtig zu werden. Tørre ergreift jede Gelegenheit und arbeitet sich recht zügig vom Ladengehilfen, zum Besitzer des Ladens und später zum Mitglied des Parlaments hoch. Tørre Snortvold, mittlerweile ist er zu T. Vold geworden, ist rücksichtslos und rachsüchtig. Wer ihm auf seinem Weg noch oben, versucht hat zu behindern, bekommt früher oder später die Quittung. Sein großes Vorbild ist Jakob aus der Bibel, der mit Hilfe seiner Mutter Rebekka, seinen älteren Bruder Esau um sein Erbe brachte.

Alexander L. Kiellands Jakob wurde 1891 veröffentlicht und ist der letzte Roman dieses Autors, denn es wurde ein literarischer Skandal. Kielland war schon früher mit seinen gesellschaftskritischen Büchern bei der Obrigkeit seiner Zeit angeeckt. Es ist mir eine große Freude, dass die Übersetzerin Gabriele Haefs diesen Autor wieder entdeckt hat und dass der Kroener Verlag sich auf dieses Buch eingelassen hat. Gerne mehr davon. Alexander L. Kielland ist einer der Autoren, die zeitloses geschaffen haben. Ein Autor, der mit Humor, Eleganz und scheinbarer Leichtigkeit, ohne direkt anzuklagen, der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Sein Jakob ist von absoluter Aktualität.

Jakob von Alexander Kielland, Übersetzerin: Gabriele Haefs, Verlag Kröner

Norwegen · Sachbücher

111 Gründe Norwegen zu lieben von Gabriele Haefs

Eigentlich müsste es heißen: 111 + 11 Gründe Norwegen zu lieben, denn die erste Ausgabe enthielt 111 Gründe, die zweite kommt mit 11 Bonusgründen daher und ich wünsche dem Buch und seinen Leser*innen, viele viele Neuauflagen mit immer weiteren 11 Gründen. Das Lesen entfacht eine derartige Lust auf eine lange Norwegenreise, dass mensch am liebsten sofort vom Schreibtisch aufstehen, zur Fähre laufen, an Bord der Color Line gehen und gen Oslo schippern möchte. Selbst erfahrene Norwegenreisende sollten in diesem Buch ihnen bis dato Unbekanntes erfahren. Zum Beispiel, dass in Norwegen Schweine Inseln entdecken, dass eine Picasso Skulptur zur Touristenattraktion wurde, die es gar nicht gibt. Kurz das Buch ist ein wahrer Quell der Weisheit und es macht einfach Freude daran spazieren zu lesen. Unterhaltsame Anekdoten und kenntnisreiches aus Alltag, Literatur und Musik, wechseln mit ernsten Themen, wie, der prekären Lage der Samen und, last but not least, dem Rezept für den leckersten Schokoladenkuchen aller Zeiten.

Gabriele Haefs, Ritterin des norwegischen St. Olafs-Ordens, ist eine der bekanntesten literarischen Übersetzer*innen aus dem Norwegischen. Besagten Orden erhielt sie für ihre Verdienste um die norwegische Literatur. Hier ist sie nun als Autorin und besondere Reiseführerin unterwegs.

111 Gründe Norwegen zu lieben

Autorin: Gabriele Haefs

Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf

ISBN: 9783862657421

Preis: 14,99 €

Roman

Der Hochstapler – David Slattery

Eigentlich wollte der Protagonist dieses Buches sich nur über den Partylärm im Nebenzimmer beschweren, doch dann steht er plötzlich auf dem Balkon, vor einem betrunkenen Mann, der von ihm verlangt ihn hart ins Gesicht zu schlagen. Nach kurzem Zögern, kommt er der Bitte nach und die Geschichte beginnt, denn der Geschlagene kippt vom Balkon im 5. Stock und ist tot. Kurzerhand übernimmt der Schläger dessen Identität und tritt eine Stelle als Professor für Moralphilosophie an einem College an. Dort merkt niemand, dass er nicht der Richtige Rik Wallace ist, denn jeder ist mit sich selbst beschäftigt, und alles könnte so schön sein, doch wie es so ist, zieht ein Todesfall den nächsten nach sich.

Es ist sehr lange her, dass ich mich so gut amüsiert habe. Nach „How to be irish“ legt der Kulturanthropologe David Slattery nun seinen ersten Roman vor und gleich mit so einer wundervollen, skurillen Geschichte. Die Charaktere haben herrliche Macken, wie etwa der Leiter des Fachbereichs Philosophie, der sich dauernd um seine imaginäre Tochter kümmern muss oder das Hausmeisterpaar, das Bücher klaut und nach und nach eine Bibliothek in der ehelichen Wohnung einrichtet. Die meisten Charaktere sind sicher Mörder, aber man muss sie einfach mögen, denn sie morden nicht etwa aus Blutdurst, sondern eher lösungsorientiert.

Der Hochstapler von David Slattery, Übersetzerin: Gabriele Haefs, Verlag btb, ISBN 978-3-442-71817-7, Preis: 10,00 €